Vor einigen Tagen ist mir die erste Feder gewachsen. Ich hatte den kleinen dunklen Punkt beobachtet, der sich langsam durch eine Pore auf meiner Brust drückte. Am dritten Tag wölbte sich die Haut dort weich, und ich konnte nicht anders, als ständig mit dem Finger darüberzustreichen.

Jetzt ist meine Brust vollständig mit einem dichten Federfell bedeckt. Im Licht der Morgensonne schimmern die Tiefschwarzen Federn grünlich-violette. Ich stehe vor dem Fenster, hebe abwechselnd die Füße vom Boden, ziehe die Knie zum Bauch, als würde ich auf der Stelle laufen.

Dann trete ich in Socken auf den Balkon. Der erste Schnee schmilzt unter meinen Füßen, die feuchte Kälte kriecht durch den Stoff meiner Pyjamahose. Ich blähe die Brust, neige den Kopf zum grauen

Himmel und breite die Arme aus.

Zunächst bewege ich nur die Hände, sanft, wellenartig. Die Morgenluft ist zäh, fast wie eine dichte Masse, die ich durchdringen muss. Langsam greifen die Bewegungen auf meine Arme über. Sie werden kräftiger, rhythmischer – bis sie sich in gleichmäßige, kraftvolle Flügelschläge verwandeln.

Von oben beobachte ich die Menschen: die Hastigen, die Trägen, die Erstarrten- manchmal setze ich mich auf ihre Dächer, ihre Bänke, ihre Schultern.

(Aus dem Leben einer Krähe)


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